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Prolog

Der Mann starrte auf den Bildschirm vor sich, die Hände krampfhaft zu Fäusten geballt. Eine Armee von Gedanken marschierte in seinem Kopf umher und umkreiste immer wieder diese eine Sache: Den größten Fehler seines Lebens, den er jetzt so teuer bezahlen sollte.

Sein Gesicht, das sonst immer rosig und voller Leben war, hatte sich an diesem Nachmittag zu einer grauen Maske verzerrt. Eine einzelne Träne löste sich aus seinen traurigen Augen, gefolgt von einer zweiten, dann einer dritten. Schließlich übermannten ihn seine Gefühle, rissen den Damm ein, den der rationale Teil seines Verstandes zuvor so mühsam und verzweifelt aufgebaut hatte. Sein Körper schüttelte sich wie von Stromstößen gepackt und er kippte langsam nach vorne. Jede Hemmung verlierend heulte er jetzt los wie der kleine Junge, der er vor vielen Jahren einmal gewesen war. Damals, in einer so unendlich weit entfernten Vergangenheit, als er noch nicht alles vermasselt hatte.

„Reiß dich zusammen“, fauchte er sich plötzlich selbst in Gedanken an, „sonst wird es nur noch schlimmer.“

Er musste zwar seine ganze Willenskraft aufbringen, dann aber gelang es ihm endlich, den Ansturm der Emotionen zurückzudrängen. Während er sich das restliche Wasser aus den verquollenen Augen rieb, versuchte er sich zu erinnern, wann er in seinem Leben zum letzten Mal geweint hatte. Bei der Geburt seiner Kinder? Beim Tod seiner Mutter? Doch wie sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob er zu diesen Anlässen auch nur eine Träne vergossen hatte. Ganz sicher aber war er noch nie zuvor in seinem Leben so emotional auseinandergebrochen wie gerade eben. Dass ausgerechnet eine Mischung aus extremem Selbstmitleid und unbestimmter Wut diese Reaktion hatte auslösen können, dafür schämte er sich fast noch mehr als für den Fehler, der ihn überhaupt in diese Lage gebracht hatte. Diesen unglaublich dummen, unverzeihlichen Fehler.

Der Mann hielt sich selbst für einen guten und anständigen Menschen, obwohl er in seinem Leben schon unzählige Dinge getan hatte, auf die er keineswegs stolz war. Im Grunde waren all diese schwarzen Flecken nur auf diese eine große Schwäche zurückzuführen, die ihn schon sein halbes Leben lang immer wieder in Schwierigkeiten gebracht und letztendlich auch in diese ausweglose Situation geführt hatte. Natürlich, niemand war perfekt, viele Menschen besaßen einen solchen wunden Punkt in ihrem Charakter. Den meisten gelang es aber, damit mehr oder weniger kontrolliert umzugehen – bei ihm war das hingegen definitiv nicht der Fall. Schon in der Vergangenheit hatte ihn diese Schwäche oft in brenzlige Situationen gebracht, aber es war ihm stets gelungen, teils durch Cleverness, teils durch Glück, sich aus diesen wieder herauszuwinden. Gerade das fragwürdige Talent, im letzten Moment den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, hatte ihn mit der Zeit immer unvorsichtiger werden lassen. Der Preis dafür war ihm vor zwei Tagen präsentiert worden – in Form einer zunächst harmlos anmutenden E-Mail. Sie bestand nur aus wenigen mageren Sätzen, aber die hatten es mühelos geschafft, wie ein Tsunami seine heile Welt hinwegzufegen. Jemand wusste von dem Fehler und setzte dieses Wissen kühl berechnend gegen ihn ein.

Eben jene E-Mail sah er in diesem Moment auf dem Monitor vor sich, darunter die Antwort, mit deren Aufsetzen er die letzte halbe Stunde beschäftigt gewesen war, die er aber noch nicht abgeschickt hatte. Auch diese bestand nur aus wenigen Zeilen, außerdem aus einer ganzen Reihe von Anhängen, die es aber in sich hatten. Bei einem flüchtigen Blick hätte man kaum vermuten können, welche Tragweite das Absenden der Antwort-E-Mail für ihn und seine Zukunft haben konnte. Aber tatsächlich handelte es sich bei dieser Nachricht entweder um die Freikarte zurück in sein gewohntes Leben oder aber sie bedeutete den Eintritt in eine noch viel tiefere Hölle als die, in deren Schlund er seit dem Erhalt der E-Mail gefangen gewesen war. Jetzt stand er vor der schwierigen Entscheidung, welchen Weg er beschreiten wollte. Sollte er sie wirklich abschicken?

Ohne Zweifel handelte es sich bei seinem Fehler zwar um eine unverzeihliche Dummheit, deren Bekanntwerden sein Leben massiv zum Negativen verändern konnte – komplett ruinieren würde ihn das aber sicher nicht. Auf der anderen Seite bot ihm das Abschicken der Antwort die Chance, gänzlich ungeschoren aus dem Alptraum der letzten Tage zu entkommen – falls sie aber in die falschen Hände geriet, würde das seine komplette Existenz ein für alle Mal zerstören. Das Schicksal zwang ihn zu einem perversen Pokerspiel, bei dem er in der finalen Runde vor der Entscheidung stand, entweder All-In zu gehen oder auszusteigen. Er konnte das volle Risiko wählen und dadurch alles gewinnen, genauso gut aber auch alles verlieren. Die Alternative war aufzugeben, um dann wenigstens mit zwei blauen Augen und einem kleinen Rest Anstand aus der Sache herauszukommen. Gespielt wurde in dieser Runde dabei nicht etwa um Geld, sondern um das Wertvollste, was ein Mensch in die Waagschale werfen konnte: sein Leben.

Der Mann merkte, wie in ihm das Chaos der Gefühle erneut emporstieg und wieder versuchte er krampfhaft, seine Gedanken im Zaum zu halten. Er wollte das Für und Wider abwägen, das Problem konzentriert und rational angehen, wie es eigentlich seine Art gewesen wäre. Aber es gelang ihm einfach nicht, den unablässigen Strom von Impulsen in seinem Kopf in geordnete Bahnen zu lenken. Es pochte in seinen Schläfen und er glaubte, ein Dröhnen zu hören, auch wenn ihm schmerzlich bewusst war, dass sich diese hässliche Melodie nur im Inneren seines Gehirnes abspielte. Machtlos musste er zulassen, wie ihm erneut die Tränen in die Augen schossen und sich dort mit den Schweißperlen vermengten, die ihm mittlerweile in kleinen Rinnsalen die Stirn herabliefen. Gleichzeitig wurde das Dröhnen lauter, immer lauter.

In seinem Kopf baute sich ein ungeheurer Druck auf und vor seinen Augen verschwammen die Konturen des Bildschirms, dann des Zimmers, schließlich der ganzen, ihn umgebenden Welt. Gleichzeitig ging das Geräusch in seinem Ohr in ein rhythmisches, stetig ansteigendes Trommeln über, in welches schließlich auch sein immer schneller schlagendes Herz einzuschwenken begann.

Aus dem chaotischen Durcheinander von Eindrücken und Gefühlen setzte sich schließlich ein Gedanke ab, nahm immer konkretere Formen an und mündete endlich in einer Entscheidung: Er würde die Antwort löschen und sich seinem Fehler stellen, ja, das musste er tun, dazu gab es keine Alternative. Wie sollte er sonst je wieder in den Spiegel schauen können? Sei ein Mann, schoss es ihm durch den Kopf, übernehme die Verantwortung, für das, was du falsch gemacht hast, wenigstens für diesen einen Fehler.

Gerade wollte er den Mauszeiger auf den Abbrechen-Knopf ziehen, als er plötzlich doch noch einmal von einer massiven Welle von Zweifeln getroffen wurde, begleitet von dem immer noch schneller und lauter werdenden Trommeln in seinen Ohren. Was er dann tat, war weniger eine bewusste Handlung, als eine Kurzschlussreaktion, die von irgendeiner verborgenen Kraft aus seinem tiefsten Unterbewusstsein angestoßen wurde. Blitzschnell bewegte er den kleinen Pfeil entgegen seiner ursprünglichen Absicht auf den grünen Absenden-Knopf. Noch ehe er es selbst richtig realisieren konnte, hatte er schon die Maustaste gedrückt. Auf dem Bildschirm erschien ein kleines, graues Fenster mit einem einzelnen Satz, der sich sogleich in seine Netzhaut brannte: „Vielen Dank, Ihre Nachricht wurde gesendet!“

Und dann herrschte plötzlich Stille. Das Trommeln verstummte schlagartig, gleichzeitig beruhigte sich sein Puls spürbar. Auch das Atmen fiel ihm wieder leichter und er sog die Luft gierig ein wie ein soeben vor dem Ertrinken Geretteter. Der ungeheure Druck, der eben noch unbarmherzig auf ihm gelastet hatte, floss immer mehr ab, bis er schließlich ganz von ihm abfiel. Stattdessen breitete sich ein ebenso angenehmes wie unerwartetes Gefühl der Erleichterung aus, genährt durch die Gewissheit, jetzt sowieso nichts mehr an der Situation ändern zu können. Die Entscheidung war getroffen, die Dinge würden nun ihren Lauf nehmen, für ihn gab es kein Zurück mehr. Er hatte sich fürs Spielen entschieden und alles auf eine Karte gesetzt.

Natürlich war ihm bewusst, dass ihn schon bald die Ungewissheit über den weiteren Verlauf der Ereignisse einholen würde. Zunächst einmal war es aber einfach nur wichtig gewesen, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Und je mehr er darüber nachdachte, je klarer sein Verstand wurde, desto größer wurde in ihm auch die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Er fühlte sich wie von einer lähmenden Krankheit befreit, die Dinge schienen wieder so herrlich klar und einfach zu sein. Vor seinem geistigen Auge konnte er buchstäblich das Licht am Ende des Tunnels sehen. Natürlich würde er wie früher auch jetzt wieder unbeschadet davonkommen. Warum sollte das dieses Mal anders sein? Es stimmte wohl, er hatte einfach eine Begabung für das Meistern solcher Situationen. Alles würde wieder gut werden, ganz bestimmt würde es das.

Vielleicht hätte der Mann in diesem Augenblick sogar erleichtert gelächelt, wenn da nicht diese feine Stimme tief in seinem Innern gewesen wäre. Sie flüsterte leise, aber beharrlich, die immer gleiche Botschaft: Dass ganz im Gegenteil zu dem, was er sich einreden wollte, jetzt gar nichts mehr gut werden würde. Das unbarmherzige Spiel war gerade erst dabei, zu beginnen – und es würde hässlich werden, sehr hässlich.

 

1. Kapitel

Frankfurt/Main – Sonntag, 20.12.2015, 17:11 Uhr

„Wenn wir später bei meinen Eltern zum Essen sind, werden sie für eine zusätzliche Person eingedeckt haben. Es wird aber niemand von diesem Teller essen.“

Als Julia Riemann diese Sätze unter spürbarer Anspannung hervorpresste, hielt sie den Blick fest auf den Mann neben sich gerichtet. Marco Ehning stützte seine Ellenbogen auf das zerwühlte Laken und blickte überrascht in die markanten, graugrünen Augen seiner Freundin.

„Warum machen sie so etwas?“, fragte er interessiert, während er sich weiter im Bett aufrichtete.

„Ich hätte dir das schon viel früher erzählen müssen. Es gibt da eine Sache, die du wissen musst…“

„Du bist schwanger?“, unterbrach er sie mit gespielter Bestürzung, gefolgt von einem süffisanten Schmunzeln.

„Blödmann!“, zischte sie zurück, fiel dann aber in sein Lachen ein, „Das ist es natürlich nicht.“

Doch nur Sekundenbruchteile später war Julias Anspannung wieder zurück. Auch sie hatte sich mittlerweile im Bett aufgesetzt und betrachtete nachdenklich die Decke, die auf ihrem Unterkörper lag. Dabei legte sie sich im Kopf die richtigen Worte zurecht, mit denen sie ihrem Freund endlich die ganze Geschichte beichten wollte. Obwohl beichten natürlich ein zu hartes Wort war, denn sie hatte selbst nichts falsch gemacht.

„Es gibt da etwas über meine Familie, das du wissen solltest. Ich habe dir ja von meinen Geschwistern erzählt, meinem älteren Bruder Christopher und meiner kleinen Schwester Alina. Nun, ich mach’s kurz, eigentlich habe ich… hatte ich drei Geschwister.“

Sie machte eine kurze Pause, dann schaute sie ihm mit entschlossenem Blick tief in die Augen, während sie fortfuhr:

„Meine drei Jahre jüngere Schwester Lara ist vor fast zehn Jahren von einem auf den anderen Tag verschwunden. Spurlos, ohne jedes Lebenszeichen. Bis heute gibt es keine Hinweise, was mit ihr passiert ist oder wo sie jetzt sein könnte.“

Sie blickte kurz zur Zimmerdecke und er glaubte, Tränen in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Doch schon gleich darauf hatte sie sich wieder gefangen und schaute ihn erneut mit festem Blick an.

„Sie war an diesem Morgen zunächst ganz normal in der Schule gewesen, hat den Nachmittag zu Hause verbracht und ist abends dann mit dem Bus in die Stadt gefahren. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen. Wir haben nie einen Anruf erhalten, keinen Abschiedsbrief, nichts. Die Polizei war ratlos. Meine Eltern und auch meine Geschwister und ich haben lange gebraucht, um über die Sache hinweg zu kommen. Aber es half ja nichts, wir mussten unsere Leben irgendwie weiterleben…“

„Haben die polizeilichen Ermittlungen denn gar nichts ergeben?“

Marco war selbst Kriminalbeamter bei der Frankfurter Polizei und die Geschichte weckte daher schon aus beruflichen Gründen seine Neugier.

„Nein, sie haben wie gesagt nie eine echte Spur von ihr gefunden. Obwohl wirklich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wurde.“

„Ich könnte mir das auch einmal ansehen und…“

Julia umfasste blitzschnell mit ihren feingliedrigen Händen seine Unterarme, drückte fest zu und schaute ihn dabei durchdringend an.

„Genau das will ich nicht, Marco. Deswegen habe ich auch so lange gezögert, dir davon zu erzählen. Ich will nicht, dass die Geschichte wieder ausgegraben wird. Ich will nicht, dass sich diese Sache irgendwie in unsere Beziehung hineinfrisst. Die Polizei hat damals alles versucht. Mein Vater hat parallel dazu sogar private Ermittler engagiert, die auf das Auffinden vermisster Personen spezialisiert waren. Sie haben alle nichts herausgefunden. Und ich habe meine Familie die ganze Zeit leiden sehen. Ich habe selbst gelitten. Frag mich nicht, wie viele Sitzungen bei Therapeuten ich gebraucht habe, um wieder einigermaßen klar denken zu können. Ich hatte ein sehr, sehr inniges Verhältnis zu Lara und außer meinen Eltern hat es mich sicher am härtesten getroffen. Jetzt sind die Wunden einigermaßen verheilt und ich möchte nicht, dass sie wieder aufbrechen.“

Die Worte waren förmlich aus ihr herausgesprudelt. Jetzt stand sie auf und lief ein paar Schritte im Raum auf und ab.

„Außerdem“, fuhr sie dann fort, „selbst wenn man heute etwas herausfinden würde – machen wir uns nichts vor, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Lara tot – dann wird sie durch neue Untersuchungen auch nicht wieder lebendig. Und falls sie tatsächlich nur abgehauen ist und doch noch am Leben sein sollte: Ich wüsste nicht, ob ich dann wirklich noch etwas mit ihr zu tun haben wollte, nachdem sie sich all die Jahre nicht um uns geschert hat. Sie war damals 16, da macht man vielleicht etwas Unüberlegtes. Aber mittlerweile wäre sie 26. Zehn Jahre sind eine verdammt lange Zeit, um einen Fehler wieder gut zu machen oder sich wenigstens ein einziges Mal zu melden.“

Marco hatte ihr aufmerksam zugehört und war jetzt ebenfalls aufgestanden. Kurz wollte er einwenden, dass falls Julias Schwester tatsächlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, da draußen immer noch ein Mörder frei herumlaufen würde, verkniff sich dies dann aber.

„Wenn du es nicht willst, werde ich natürlich nichts unternehmen“, sagte er und nahm sie in den Arm, „und wenn du nicht darüber sprechen willst, ist das absolut ok. Aber wenn du jemanden zum Reden brauchst oder sonst irgendwie Hilfe, dann bin ich immer für dich da, hörst du.“

Er zögerte kurz, schürzte die Lippen und fuhr dann fort:

„Eine Frage musst du mir aber noch beantworten: Haben deine Eltern dieselbe Einstellung wie du? Wollen sie die Geschehnisse auch am liebsten vergessen?“

Er bemerkte erst jetzt, dass sich inzwischen doch eine Träne aus ihren Augen gelöst hatte und ihre linke Wange heruntergelaufen war. Doch bereits als sie ihm antwortete, schien sie sich wieder gefangen zu haben.

„Mein Vater sieht das glaube ich mittlerweile ähnlich wie ich. Aber meine Mutter denkt immer noch, Lara könnte jeden Moment wieder zur Tür hereinkommen. Sie ist es auch, die bei jedem gemeinsamen Essen der Familie ein zusätzliches Gedeck auf den Platz stellt, an dem Lara früher immer gesessen hat. Das wird sie auch heute wieder tun – um ehrlich zu sein ist das einer der Gründe, warum ich dir gerade jetzt von dieser Geschichte erzähle. Du hättest ja doch danach gefragt, du Bulle…“

Sie drückte ihn enger an sich, bevor sie fortfuhr: „Ich weiß, ich hätte dir das früher sagen sollen. Du hättest wissen müssen, mit welchem psychischen Wrack du dich da einlässt…“

Er lächelte, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und gab ihr einen intensiven Kuss auf den Mund.

„Zumindest bist du ein süßes Wrack.“

Dann schaute er auf seine Armbanduhr und tippte mit dem Zeigefinger darauf.

„Ich denke, wir müssen uns langsam fertig machen. Wie lange braucht man normalerweise bis nach Lautenstein?“

„Etwa eineinhalb Stunden, wenn es gut läuft und nicht zu viel Verkehr ist.“

„Also haben wir noch knapp 45 Minuten, um uns auf Vordermann zu bringen.“

Sie waren beide erst am frühen Morgen von der Arbeit nach Hause gekommen. Wie der Polizist Marco arbeitete auch Julia im Schichtdienst. Sie war Assistenzärztin am Universitätsklinikum und hatte gerade die Hälfte ihrer Facharztausbildung zur Internistin hinter sich. Nachdem beide nach dem Ende ihrer jeweiligen Nachtschichten in Marcos Drei-Zimmer-Wohnung im nördlichen Teil von Frankfurt-Sachsenhausen eingetroffen waren, hatten sie zunächst gemeinsam ausgiebig in der winzigen Küche gefrühstückt und sich über ihre nächtlichen Erlebnisse ausgetauscht. Gegen zehn Uhr waren sie dann bei halb geschlossenen Jalousien ins Bett gegangen und ironischerweise erst durch die Strahlen der tiefstehenden Abendsonne wieder geweckt worden.

Marco war inzwischen aufgestanden und über den alten Dielenboden zum Badezimmer gelaufen. Während er Rasierschaum in seinem Gesicht verteilte, schlüpfte Julia an ihm vorbei und verschwand in der Dusche.

„Da wollte ich gerade rein“, maulte der junge Mann, woraufhin sie noch einmal den Kopf aus der Kabine streckte.

„Kannst ja mit reinkommen!“, säuselte sie und zwinkerte dabei mit dem rechten Auge. Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl, schlüpfte aus seinen Shorts und drängte sich ebenfalls in die Dusche. Die wacklige Kabine war natürlich nicht für zwei Erwachsene ausgelegt, aber das war den beiden in diesem Moment herzlich egal.

Das Paar war vor etwa vier Monaten von einem gemeinsamen Freund verkuppelt worden. Aus einer leidenschaftlichen Affäre hatte sich mittlerweile eine ernste Beziehung entwickelt und Julia hielt sich immer seltener in ihrer WG in der Goldsteinstraße auf, verbrachte dafür aber umso mehr Zeit in Marcos kleiner, aber gut geschnittener Wohnung in der Danneckerstraße. Beiden war bewusst, dass sie über kurz oder lang fest zusammenziehen wollten, auch wenn sie bisher noch nicht wirklich darüber gesprochen hatten.

Sowohl für Marco als auch für Julia war es der letzte Dienst vor Weihnachten gewesen und sie würden erst am zweiten Feiertag wieder arbeiten müssen. Da Marcos Eltern in diesem Jahr das Fest bei seiner älteren Schwester in Australien verbringen wollten, hatte Julia ihn nach langem Hin und Her davon überzeugen können, für die nächsten Tage mit zu ihren Eltern zu kommen, Heiligabend dort zu verbringen und am ersten Weihnachtsfeiertag wieder zurück nach Frankfurt zu fahren. Marco war zunächst skeptisch gewesen, auch weil es sich um sein erstes Treffen mit ihren Eltern handelte und er sich nicht sicher war, ob es sich dann gleich um mehrere Tage und noch dazu Weihnachten handeln musste. Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung wusste er, dass es insbesondere in der angeblich so besinnlichen Zeit vermehrt zu familiären Tragödien kam. Natürlich rechnete er nicht im Entferntesten mit irgendeiner Form der häuslichen Gewalt bei Familie Riemann, sah aber zumindest das erhöhte Risiko einer angespannten Atmosphäre, die ihm durchaus den Start versauen konnte. Julia war es letztendlich gelungen, seine Bedenken weitgehend zu zerstreuen und er hatte schließlich eingewilligt, auch weil ihm trotz verstärkter Suche keine wirklich überzeugende Ausrede eingefallen war.

Als beide wenig später frisch geduscht und noch ein bisschen außer Atem das Badezimmer verließen, ging Julia auf direktem Weg zu dem antiken Kleiderschrank, der in Marcos Schlafzimmer stand. Diesen hatte sie in den letzten Wochen immer mehr in Beschlag genommen und mittlerweile befand sich ein Großteil ihrer Kleidung darin. Er folgte ihr und betrachtete von hinten, wie ihr schulterlanges, dunkelblondes Haar beim Gehen auf ihren noch mit letzten Wassertropfen benetzten Schultern wippte. Sie war groß für eine Frau, er selbst überragte sie wohlwollend gerechnet nur um ein oder zwei Zentimeter. Wenn sie hohe Schuhe trug, fühlte er sich neben ihr wie ein Zwerg. Ihr Gesicht war mit einigen blassen Sommersprossen gesprenkelt, die sie selbst im Gegensatz zu ihm, nicht sonderlich mochte. Bei entsprechenden Anlässen verschwanden diese daher regelmäßig unter einer dezenten Schicht Make-up. Julia war gut in Form, für seinen Geschmack hätte sie sogar ein paar Pfund mehr vertragen können, was er ihr natürlich niemals sagen würde. Marco selbst war ebenfalls sportlich, im Gegensatz zu Julia hatte er aber eher vier, fünf Kilo zu viel auf den Rippen. Er hatte sein dunkelbraunes, fast schwarzes Haar kurz geschnitten. An den Schläfen begannen sich erste graue Strähnen abzuzeichnen, auch wenn er das nicht unbedingt wahrhaben wollte. Beide Partner waren in etwa gleich alt, Marco würde im März 30 Jahre alt werden, Julia hatte kurz bevor sie sich im Spätsommer kennengelernt hatten ihren 29. Geburtstag gefeiert.

Als beide fertig angezogen waren, verließen sie schließlich das Haus und gingen zu Marcos schwarzem Passat, der schräg gegenüber dem mehrgeschossigen Wohnhaus am Straßenrand stand. Kurze Zeit später fuhren sie bereits auf der Autobahn in Richtung Südwesten. Ihr Ziel war die Kleinstadt, in der Julia aufgewachsen und ihre Schwester verschwunden war. Marco war noch nie zuvor in Lautenstein gewesen und bezweifelte sogar, vor seinem Zusammentreffen mit Julia jemals von dem Ort gehört zu haben. Während der Fahrt über die verhältnismäßig leeren Straßen ertappte er sich immer wieder dabei, wie er in Gedanken mantrahaft einen bestimmten Satz vor sich hersagte: „Du lässt die Finger von der Sache, Ehning, halt dich zurück. Versau es nicht. Nicht dieses Mal und nicht mit dieser Frau.“

 

2. Kapitel

Campo Clandestino, Rio Jandiatuba, Brasilien – Dienstag, 13.06.2006, 14:30 Uhr Ortszeit

Luis Fagundes stand wie jeden Nachmittag hinter dem Tresen seiner Bar und spülte Gläser für das Abendgeschäft, welches bei ihm in der Regel schon am frühen Nachmittag begann. Die Bar hatte genauso wie der Ort, in dem sie sich befand, keinen offiziellen Namen und da es sich um die einzige ihrer Art weit und breit handelte, war das auch gar nicht nötig. Jeder kannte Luis und seine Kneipe war der Treffpunkt schlechthin für die Leute in diesem entlegenen Zipfel des Amazonas-Gebietes.

Das Dorf wurde zwar von seinen Bewohnern Campo Clandestino genannt, aber da es sich um eine illegale Siedlung handelte, war es auf keiner Karte verzeichnet. Das Campo lag am westlichen Ufer des Rio Jandiatuba, etwa auf halbem Weg zwischen dessen Quelle und seiner Mündung in den Rio Solimões, wie der Oberlauf des Amazonas in Brasilien genannt wurde. Die ersten Hütten waren in den sechziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts von Goldsuchern und anderen Glücksrittern gebaut worden. Später kamen die Aussteiger, danach immer mehr Indios, die anderswo vertrieben worden waren. Schließlich wurde das Campo von einer wachsenden Zahl von Menschen als Zufluchtsort genutzt, die in anderen Bundesstaaten des riesigen Landes gesucht wurden und hier ohne Probleme für ein paar Jahre untertauchen konnten. Gerade für solche Zwecke war das Dorf aufgrund seiner Abgelegenheit ideal geeignet: Die nächstgelegenen anderen Siedlungen befanden sich mehrere Stunden entfernt, selbst wenn man eines der Boote mit einem modernen, leistungsstarken Außenborder nahm, die aber nur selten auf dem Rio Jandiatuba zu sehen waren.

Luis selbst hatte es Anfang der neunziger Jahre hierher verschlagen. Noch kurz davor war er in Rio de Janeiro mit einem Nachtclub in unmittelbarer Nähe der Copa Cabana sehr erfolgreich gewesen, aber in einer unglückseligen Nacht hatte er wesentlich mehr Pech im Spiel gehabt, als er sich leisten konnte. So war er gezwungen gewesen, Rio und der Copa auf der Flucht vor seinen Gläubigern Hals über Kopf den Rücken kehren zu müssen. Schließlich war er durch Zufall in diesem gottverlassenen Ort gelandet und hatte sofort erkannt, dass dem Campo eine entscheidende Einrichtung fehlte: Eine Bar, in der die bunt zusammen gewürfelte Bewohnerschaft ihr auf legalen und illegalen Wegen verdientes Geld loswerden konnte. Er hatte die Sache also in die Hand genommen und nur kurze Zeit später seinen Laden eröffnet, was sich als äußerst kluge Entscheidung erwies. Die schlichte Holzhütte, die er anfangs einem alten Mestizen abgekauft hatte, war heute durch unzählige Erweiterungen und Anbauten kaum wieder zu erkennen und mittlerweile handelte es sich um das mit Abstand größte Gebäude im Ort. Vor ein paar Jahren hatte er sogar eine aus dem Wort „Bar“ bestehende Leuchtreklame gebraucht in Manaus erstanden und direkt über dem Eingang angebracht. Da der Strom hier teuer über einen Generator erzeugt werden musste, machte er den Schriftzug zwar nur zu besonderen Anlässen an, trotzdem war er sehr stolz darauf. Das Interieur seiner Kneipe konnte sich ebenfalls sehen lassen. Er hatte das meiste über die Jahre zusammen getauscht, dennoch wirkte die Einrichtung nicht billig und war den Umständen entsprechend stilvoll gehalten, das wurde ihm immer wieder von seinen Gästen bestätigt– nicht nur von den Trinkern, auch von Menschen, auf deren Meinung man sich etwas einbilden konnte.

Während er weiter Gläser polierte, blickte Luis Fagundes durch die scheibenlosen Fenster hinaus auf den Fluss, dessen braunes Wasser träge in Richtung Norden floss. Aus dem Augenwinkel sah er, wie jemand einen der Pfade zwischen den Hütten entlangkam und auf die Bar zusteuerte. Schon auf den ersten Blick erkannte er, dass es sich nur um Katharina Schaller handeln konnte, da sie neben ihrer Tochter Amelie die einzige weiße Frau im Campo war und es sich bei ihr auch sonst um eine äußerst ungewöhnliche Erscheinung in diesem Teil der Welt handelte.

Die drahtige Mittvierzigerin mit sonnengegerbtem Gesicht war vor gut acht Jahren mit ihrer damals kaum zehnjährigen Tochter in einem Kanu den Rio Jandiatuba heraufgekommen. Sie war Lehrerin an der deutschen Schule in São Paolo gewesen und wollte, wie sie ihnen damals stolz mitteilte, ihre Sommerferien dazu nutzen, Kartierungen der Pflanzenwelt am Oberlauf des Rio Jandiatuba durchzuführen. Luis konnte nicht glauben, dass eine Frau eine solch gefährliche und strapaziöse Reise nur wegen ein bisschen Grünzeug auf sich nahm, noch dazu mit einem halbwüchsigen Kind an ihrer Seite, bewunderte aber gleichzeitig diese Mischung aus eisernem Willen und bodenloser Naivität. Eigentlich hatte Katharina nur fragen wollen, ob sie auf der Sandbank vor dem Campo ihr Zelt aufschlagen dürfe, aber Luis bestand natürlich darauf, dass Mutter und Tochter auf jeden Fall in einer der Hütten übernachteten, die er manchmal an die wenigen Touristen vermietete. Nach anfänglichen Zögern nahm sie das Angebot schließlich an und schon am nächsten Tag erkundigte sie sich, ob sie ihren Aufenthalt bei ihm verlängern könne, was Luis natürlich gerne bejahte. Am dritten Tag begann Katharina damit, ein paar Kindern im Dorf ein wenig Unterricht zu geben, denn eine Schule gab es nicht. Die meisten Bewohner und damit auch die Eltern der Kinder waren Analphabeten, gleichzeitig aber schlau genug, um zu wissen, dass eine gewisse Bildung für ihre Kinder die Eintrittskarte in ein besseres Leben sein konnte. Daher fiel Katharinas Arbeit auf extrem fruchtbaren Boden und jeden Tag kamen mehr Kinder zu ihren Stunden. Luis merkte schnell, wie viel Freude ihr die Arbeit mit diesen Kindern bereitete. Er hoffte es insgeheim und war dennoch überrascht, als sie ihm eines Tages eröffnete, dass sie nicht mehr beabsichtige, nach São Paolo zurückzukehren, sondern lieber hier im Dorf dauerhaft eine Schule gründen wolle. Die Arbeit mit den Kindern hier im Urwald machte ihr einfach so unendlich viel mehr Spaß als das eintönige Leben in der Großstadt. Jetzt, acht Jahre später, hatte sich die Escola Primária de Campo Clandestino sehr gut etabliert und die Erfolge waren überall zu spüren. Natürlich war die Einrichtung ebenso wie die Siedlung nicht staatlich anerkannt, aber die Schüler konnten in Manaus eine externe Prüfung ablegen und das ermöglichte ihnen den Eintritt in das offizielle Bildungssystem. Im letzten Jahr hatten es die ersten beiden Absolventen der Campo-Schule auf diese Weise sogar geschafft, auf Universitäten angenommen zu werden.

Katharina hatte mittlerweile die Bar erreicht und stieg die letzten drei Stufen zur großen, hölzernen Veranda herauf. Luis war ihr entgegengegangen und als sich die beiden schließlich gegenüberstanden, begrüßte er sie mit zwei herzlichen Wangenküssen.

„Du bist bestimmt gekommen, um endlich meinen Heiratsantrag anzunehmen“, sagte er mit einem spitzbübischen Lächeln, was bei ihr aber lediglich einen mitleidigen Gesichtsausdruck hervorrief.

„Ach Luis, soweit ich weiß hast du schon zwei Frauen gleichzeitig, da brauchst du doch keine dritte mehr.“

Sie fingen beide an zu lachen. Nach ihrem Kennenlernen hatte sich schnell eine innige Freundschaft zwischen ihnen entwickelt und anfangs hatte er auch immer wieder versucht, bei Katharina zu landen – leider bis heute ohne nennenswerten Erfolg. Mittlerweile machte er seine Avancen nur noch im Scherz und natürlich hatte sie auch Recht: Offiziell war er noch immer mit seiner Frau in Rio verheiratet, von der er aber weder wusste, ob sie noch am Leben war, noch ob sie sich einen Teufel um ihn scherte. Und dann war da noch Kawiri, das Indio-Mädchen, das seit einigen Jahren seinen Haushalt führte und sich auch sonst als sehr angenehme Gesellschaft in verschiedenster Hinsicht erwiesen hatte.

„Kann ich dir was anbieten? Geht natürlich aufs Haus!“, sagte er, nachdem sie ins Haus gegangen waren und seine Freundin sich an die Bar gesetzt hatte.

„Ich nehm’ ein schnelles Bier. Aber gib mir ein Becks, nicht dieses Gebräu aus Manaus.“ Sie wischte sich ein wenig Schweiß von der Stirn und fuhr fort, während er zwei grüne Flaschen aus einem der Kühlschränke holte:

„Ich wollte mich eigentlich nur verabschieden. Ich habe dir ja gesagt, dass wir wieder unseren Besuch in der alten Heimat machen.“

„Wann kommst du wieder?“, fragte er ein wenig besorgt.

„In drei Wochen sind Amelie und ich zurück, dann werde ich auch die Schule wieder öffnen. Kannst du ein bisschen nach dem Rechten sehen, während wir weg sind?“

„Klar“, brummte Luis, der die Flaschen mittlerweile geöffnet hatte, ihr zuprostete und dann einen großen Schluck aus seiner nahm.

„Was willst du eigentlich jedes Jahr dort drüben? Es ist kalt, die Menschen sind schlecht gelaunt…“

„Ich komme da her, habe 28 Jahre meines Lebens dort verbracht, Luis. Außerdem ist es gerade nicht kalt dort, es ist Sommer!“

„Für unsere Verhältnisse ist es trotzdem kalt.“

Sie lachte kurz und trank ebenfalls an ihrem Bier.

„Außerdem hat Amelie noch einen Vater, den sie zumindest einmal im Jahr sehen soll. Ehrlich gesagt ist das eigentlich der Hauptgrund für den Trip. Ich habe in Deutschland nicht mehr viele Kontakte. Meine Heimat ist jetzt hier in Brasilien.“

Sie schauten beide hinaus auf den Fluss, schwiegen eine Weile und nippten immer mal wieder an ihren Bieren.

„Ihr fliegt von Manaus aus, oder? Wie kommt ihr hin?“

„Wir fliegen mit Joao. Er hat versprochen, um halb vier auf dem Feld zu sein.“

Ein paar Kilometer vom Campo entfernt lag ein kleines Flugfeld im Regenwald, das eigentlich nur von Joao Simões, einem alten Pilot aus Manaus mit seiner ungefähr genauso alten DHC-2 Beaver genutzt wurde. Obwohl Joao wahrlich nicht mehr der Jüngste war, hatte er einen guten Ruf und erledigte immer wieder mal Flüge für die Dorfbewohner, wenn es ansonsten mit dem Boot einfach zu lange dauern würde.

„Ich muss jetzt los“, sagte sie und leerte ihre Flasche, „wenn irgendwas sein sollte, ruf mich an. Du hast ja meine Handynummer.“

Er nickte. Vor etwa einem Jahr hatte jemand durch Zufall bemerkt, dass es trotz der Abgeschiedenheit drei Punkte im Dorf gab, an denen man ein schwaches, aber stabiles Mobilfunksignal empfangen konnte. Diese Entdeckung hatte hier vieles verändert, da man vorher mehr schlecht als recht nur über Funk mit der Außenwelt kommunizieren konnte. Mittlerweile hatte sich der Großteil der Dorfbewohner mit billigen Handys eingedeckt und die Stellen mit Empfang waren stark frequentiert. Günstiger Weise befand sich einer dieser Punkte direkt neben Luis‘ Bar, was sich sehr positiv auf die Geschäfte ausgewirkt hatte.

Katharina stand auf und ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal zu Luis um und lächelte ihn an.

„Danke, dass du ein bisschen nach dem Rechten schaust. Soll ich dir etwas aus Europa mitbringen? Oder aus Manaus?“

„Höchstens einen guten Single Malt aus dem Duty Free“, brummte er und prostete ihr noch einmal zu.

 

3. Kapitel

Lautenstein – Mittwoch, 14.06.2006, 07:20 Uhr

Die Sonne war schon lange aufgegangen, aber erst jetzt schob sie sich gemächlich über die großen Tannenbäume im Garten des Hauses, in dessen oberstem Stockwerk Lara Riemann an diesem Tag zum letzten Mal erwachen sollte. Unter normalen Umständen wäre das Mädchen schon eine Weile aufgestanden gewesen, aber heute würde ihre erste Schulstunde ausfallen und so schlief sie auch jetzt noch immer tief und fest. Sie hatte am Abend zuvor die Rollläden der großen, zum Garten gehenden Fenster absichtlich nicht heruntergelassen, da sie es mochte, von den direkt in ihr Zimmer scheinenden ersten Strahlen geweckt zu werden. Auch an diesem Tag erreichte sie damit ihr Ziel und nur wenige Augenblicke, nachdem sich die Sonne vollends über die sanft im Wind wiegenden Bäume erhoben hatte, blinzelte sie in deren schon jetzt angenehm warmes Licht. Obwohl es erst Mittwoch war, stand für Lara bereits der letzte Schultag dieser Woche an: Am nächsten Tag würde wegen des Fronleichnam-Feiertages kein Unterricht stattfinden und der Freitag war ein sogenannter Brückentag, an dem die Schule auch geschlossen bleiben würde.

Nachdem sie sich den letzten Rest von Schlaf aus den Augen gerieben hatte, streckte sie kurz ihre Glieder und sprang dann leichtfüßig aus dem Bett. Sie lief hinaus auf den Balkon, der sich entlang der gesamten Stirnseite des Hauses erstreckte. Dort sog sie einen Schwall der frischen, noch angenehm kühlen Morgenluft ein, während sie sich weiter mit geschlossen Augen die Sonne ins Gesicht scheinen ließ.

Lara war zwei Monate zuvor sechzehn Jahre alt geworden, wurde aber häufig für älter gehalten. Ihre langen, dunkelblonden Haare waren ein Familienerbstück mütterlicherseits, ebenso wie ihre markanten, graugrünen Augen. Sie hatte eine sportliche Figur, auch wenn sie sich selbst, wie viele Mädchen in ihrem Alter, etwas zu dick fand. In ihrer Klasse war Lara wegen ihrer offenen Art sehr beliebt und in Kombination mit ihrem guten Aussehen führte dies unweigerlich dazu, dass sie insbesondere bei den Jungen ausgesprochen gut ankam. Dennoch hatte sie bisher noch keine feste Beziehung gehabt, die man ernsthaft als solche bezeichnen konnte. Sie lebte zusammen mit ihren Eltern und ihren zwei Schwestern in einem ruhigen Wohngebiet von Lautenstein, in dem sich große Einfamilienhäuser mit weitläufigen Gärten aneinanderreihten. Ihr Zuhause war in etwa so alt wie sie selbst und im typischen Stil der späten achtziger Jahre mit vielen Fenstern und noch mehr Holz gebaut worden. Ihr Zimmer befand sich im Dachgeschoss, direkt neben dem ihrer Schwester Julia, mit der sie sich auch ein kleines Badezimmer teilte. Ihre andere Schwester hieß Alina und war mit ihren zehn Jahren das Nesthäkchen der Familie. Ihr Zimmer lag neben dem Schlafzimmer ihrer Eltern im ersten Obergeschoss, wo sich auch die beiden Arbeitszimmer ihrer Eltern befanden. Ihr älterer Bruder Christopher hatte bereits vor ein paar Jahren das Haus verlassen und war zum Studium nach München gezogen. Er kam nur alle paar Wochen nach Hause, meistens dann, wenn sein Wäscheberg wieder zu groß geworden war, um ihn dauerhaft ignorieren zu können. Auch Julias Auszug stand kurz bevor, denn seit ein paar Tagen hatte sie ihr Abitur in der Tasche und sie würde im Oktober ein Medizinstudium in Frankfurt beginnen.

Lara wollte gerade wieder vom Balkon zurück in ihr Zimmer gehen, als sie von unten das Geräusch der zuschlagenden Haustür vernahm. Sie beugte sich neugierig über das schon etwas abgenutzte, hölzerne Geländer, um besser sehen zu können, welches der anderen Familienmitglieder gerade das Haus verlassen hatte. Wenige Augenblicke später sah sie ihren Vater in schnellen Schritten auf die als separates Gebäude errichtete Garage zulaufen, in der neben dem VW Golf ihrer Mutter auch sein BMW stand. An einem normalen Schultag wäre Lara wohl wie jeden Morgen mit ihrem Vater mitgefahren, da er der Direktor des Gymnasiums war, dessen 10. Klasse sie zurzeit besuchte. Wegen der ausgefallenen ersten Stunde würde sie aber an diesem Tag ausnahmsweise mit dem Bus fahren, dessen Haltestelle nicht weit vom Haus der Riemanns entfernt lag. Viele ihrer Mitschüler beneideten sie um den Umstand, die Tochter des Direktors zu sein, da sie davon ausgingen, dass man dadurch schon fast automatisch ein besseres Standing bei den anderen Lehrern hatte. Lara vertrat als Betroffene da eine andere Meinung: sie glaubte, sie müsse eher härter als andere arbeiten, weil kein Lehrer sich dem Vorwurf aussetzen wollte, ihr aufgrund ihrer Herkunft eine Vorzugsbehandlung zukommen zu lassen.

Als ihr Vater schon fast die Garage erreicht hatte, rief sie nach ihm, woraufhin er sich umdrehte und suchend nach der Quelle des Ausrufs Ausschau hielt.

„Guten Morgen, Liebes. Ausgeschlafen?“, erkundigte er sich, nachdem er sie lokalisiert hatte, und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er fort: „Willst du heute nach der Schule mit nach Hause fahren?“

„Fährst du denn nicht direkt zum Flughafen?“, entgegnete sie fragend. Wie sie wusste, würde ihr Vater am bevorstehenden verlängerten Wochenende an einem Philologen-Kongress in Berlin teilnehmen und erst am späten Sonntagabend wieder zurückkommen.

„Wollt ich eigentlich, aber ich muss doch noch mal kurz daheim vorbei. Hab meine Sachen nicht fertig packen können, muss aber jetzt unbedingt los. Termin mit dem Schulrat“, antwortete er, „Also fährst du dann später mit?“

„Klar, mach ich. Ich komme nach der Sechsten direkt zu dir ins Büro“, rief sie zu ihm hinunter. Sie überlegte kurz, ob sie die eine Frage, die ihr noch unter den Nägeln brannte, jetzt gleich stellen sollte oder ob es klüger wäre, dies erst heute Nachmittag auf dem Heimweg zu tun. Am Abend würde nämlich die letzte große Party der Abiturklasse ihrer Schwester Julia steigen und Lara war, nicht zuletzt aufgrund von Julias positivem Einfluss, als einzige Zehntklässlerin zu diesem aufregenden Event eingeladen worden. Allerdings hatte sie das Thema bereits mit ihrer Mutter besprochen und diese war natürlich, wie immer, wenn etwas auch nur entfernt nach Spaß aussah, strikt dagegen gewesen.

Bevor Lara zu einer Entscheidung gekommen war, ob sie ihren Vater jetzt fragen sollte oder nicht, wurde ihr diese bereits abgenommen. Sein Handy klingelte, er zuckte entschuldigend mit den Achseln und wenige Sekunden später war er schon in ein Gespräch vertieft, während er gleichzeitig seinen Weg zur Garage fortsetzte. Sie schaute seinem Wagen noch hinterher, als dieser kurze Zeit später aus der Garage heraus und den Kastanienweg hinunterfuhr.

Sie dachte noch einmal an den gestrigen Abend. Die Diskussion mit ihrer Mutter zum Thema Abiturfete war schließlich in einem heftigen Streit eskaliert, an dessen Ende Lara ihre Mutter nicht nur im Stillen zum Teufel gewünscht hatte. Wenn sie also ihren Vater nicht überzeugen konnte, würde sie diesen Abend statt feiernd auf der Party alleine mit der Haushälterin der Riemanns, der gut sechzigjährigen Frau Breege, zu Hause verbringen. Hertha Breege hatte eine kleine Einliegerwohnung im Haus, die sich über Teile des Erdgeschosses und des Kellers erstreckte. Sie arbeitete bereits seit über zwanzig Jahren für die Familie, hatte Lara praktisch mit großgezogen und war definitiv schwer in Ordnung, aber dennoch nicht unbedingt die Gesellschaft, die sich ein sechzehnjähriges Mädchen für so einen Abend vorstellte. Erst recht nicht, wenn nur ein paar Kilometer entfernt das Event des Jahrhunderts stattfand.

Lara holte tief Luft, stieß sich mit den Händen energisch vom Balkongeländer ab und ging wieder zurück in ihr Zimmer. Dieses sah aus wie man sich das Reich eines sechzehnjährigen Mädchens, das gerade auf die Zielgerade der Metamorphose vom Kind hin zur Erwachsenen einbiegt, gemeinhin vorstellt: Die Poster verschiedenster Stars und Sternchen waren noch nicht gänzlich verschwunden, aber bereits in großen Teilen von dezenteren Kunstdrucken und Filmplakaten ersetzt worden. Natürlich durften auch ein Computer, eine Stereoanlage sowie der unvermeidliche Fernseher nicht fehlen. An einer großen Pinnwand hatte sie Bilder von sich mit Freundinnen und einige Schnipsel aufgehängt, die für sie eine Bedeutung hatten. Da Lara ein ausgesprochener Bücherwurm war, wurden außerdem große Teile der Zimmerwände von mehreren Bücherregalen in Beschlag genommen.

Sie wollte sich gerade etwas zum Anziehen heraussuchen, als es an der Zimmertür klopfte. Noch ehe sie reagieren konnte streckte auch schon ihre Mutter den Kopf zur Tür herein. Laras Blick verfinsterte sich schlagartig. Sie wollte ihre Mutter spüren lassen, dass ihre Wut vom Vortag über das Verbot, auf die Party zu gehen, noch lange nicht verflogen war.

„Ich wollte mich verabschieden. Alina und ich werden gleich aufbrechen. Um kurz nach acht fährt der Bus los“, sagte Franziska Riemann, die äußerlich so etwas wie das ältere Ebenbild ihrer Tochter darstellte. Ihre Haare waren zwar kürzer und sie hatte natürlich ein wesentlich reiferes, von Lachfältchen geprägtes Gesicht, aber ansonsten konnten das Mädchen und seine Mutter ihr enges Verwandtschaftsverhältnis kaum verhehlen. Insbesondere die im selben ungewöhnlichen, graugrünen Ton strahlenden Augen der beiden waren dafür ein untrügliches Zeichen.

Wie Wolfgang würde auch Franziska Riemann über das verlängerte Wochenende außer Haus sein, denn sie nahm als Betreuerin an der Abschlussfahrt der Grundschulklasse ihrer jüngsten Tochter Alina teil.

„Na dann viel Spaß“, antwortete Lara frostig, ohne ihre Mutter wirklich eines Blickes zu würdigen. Natürlich blieb dieser die kühle und fast schon feindselige Reaktion ihrer Tochter nicht verborgen. Sie ging daher weiter in den Raum auf Lara zu, die mit verschränkten Armen vor ihrem Kleiderschrank stand.

„Du bist also immer noch sauer wegen der Party…“

„Was hast du den geglaubt?“, blaffte Lara mit wild funkelnden Augen zurück, „Etwa, dass ich dir dankbar bin, dass du mir den coolsten Abend des Jahres versaust?“

Ihre Mutter seufzte ganz im Stile einer missverstandenen Erwachsenen, dann wandte sie sich mit betont ruhiger Stimme wieder an ihre Tochter:

„Sieh mal, ich habe es dir gestern schon erklärt: Es ist die Abi-Party deiner Schwester, nicht deine. Und ich wüsste nicht, was eine Zehntklässlerin dort zu suchen hat.“

„Spaß haben vielleicht?“, zischte ihr das Mädchen mit mittlerweile hochrotem Kopf entgegen.

„Auch wenn du das jetzt nicht verstehen kannst, aber die Entscheidung ist nur zu deinem Besten“, versuchte es Franziska erneut in einem noch immer versöhnlichen, aber jetzt deutlich bestimmteren Ton, „Ich bin mir sicher, dass so eine Veranstaltung jetzt noch nichts für dich ist. Außerdem ist meine Entscheidung endgültig. Und ich sage dir gleich: Du brauchst deinen Vater erst gar nicht zu fragen, ich habe schon mit ihm gesprochen, er sieht die Angelegenheit genauso wie ich.“

Sie ging zu ihrer Tochter, die sie noch immer um einen halben Kopf überragte, strich ihr über die Wange und fügte nun wieder etwas sanfter hinzu: „Glaub mir, ich meine es wirklich nur gut. Irgendwann wirst du das verstehen…“

Lara schaute durch ihre Mutter hindurch, als wäre sie aus Glas. Sie wusste, dass jedes Wort von ihr in diesem Augenblick die Situation nicht besser, sondern alles nur noch schlimmer machen würde. Also schwieg sie, aber ihre Wut und Enttäuschung war ihr mehr als deutlich anzusehen. Schließlich drehte sich Franziska Riemann um und ging zur Tür. Als sie diese erreicht hatte, schaute sie aber noch einmal zu ihrer Tochter zurück.

„Ich weiß, dass du wütend bist, aber ich kann mich doch trotzdem auf dich verlassen, oder?“

Lara war natürlich sofort klar, was ihre Mutter damit meinte. Es wäre für das Mädchen ein Leichtes gewesen, sich der Entscheidung ihrer Eltern zu widersetzen und trotz des Verbots zur Party zu gehen. Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter würden beide die nächsten Tage nicht zu Hause und mit ganz anderen Aufgaben beschäftigt sein, und dass Julia sie verpfeifen würde, konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie könnte einfach warten, bis Frau Breege wie praktisch jeden Abend vor dem Fernseher eingeschlafen war, und sich dann aus dem Haus schleichen. Wenn sie nur vor dem Morgengrauen wieder zu Hause war, würde ihr Verschwinden wahrscheinlich nie jemand bemerken. Aber ihre Mutter hatte Recht, sie würde diese Gelegenheit nicht ergreifen. In dieser Hinsicht war sie eine Gefangene ihrer eigenen Korrektheit, sie hatte das Vertrauen ihrer Eltern noch nie enttäuscht und würde es auch jetzt nicht tun.

„Ja, natürlich kannst du dich auf mich verlassen“, hauchte sie kaum hörbar, ging mit schnellen Schritten ebenfalls zur Tür, schob sich dort an ihrer Mutter vorbei und verschwand im Badezimmer. Es würde nun eben ein todlangweiliges verlängertes Wochenende werden, dachte sie bei sich und hätte schreien können.

 

4. Kapitel

Lautenstein – Sonntag, 20.12.2015, 19:34 Uhr

Julia und Marco hatten es fast pünktlich nach Lautenstein geschafft und parkten wenige Minuten nach halb acht Uhr vor dem Haus der Riemanns. Dieses lag in einem ruhigen Wohngebiet, das mit großen, in den achtziger und neunziger Jahren gebauten Einfamilienhäusern bebaut war. Kurz darauf standen die beiden vor der schweren Haustür aus dunklem Holz, der man durch die vielen Gebrauchsspuren schon auf dem ersten Blick ansehen konnte, dass sie für viele Jahre das Tor zu einem lebhaften, kinderreichen Heim gebildet hatte. Am Türblatt hing ein weihnachtliches Gesteck aus Tannenzweigen und durch das gelbe Ornamentglas neben der Tür war auch schon von außen der leuchtende Weihnachtsbaum der Familie schemenhaft zu erkennen. Bereits kurz nachdem Marco geklingelt hatte, wurde die Tür geöffnet und ein hagerer Mann mit kurzem, grauem, aber noch vollem Haar stand ihnen gegenüber.

„Hallo Liebes“, sagte er mit einer vollen Bassstimme und begrüßte Julia mit einer herzlichen Umarmung. Danach wandte er sich Marco zu, dem er freundlich zulächelte und beherzt die Hand entgegenstreckte.

„Du musst Marco sein. Ich bin Wolfgang, Julias Vater.“

Der feste Händedruck passte zu dem Mann, der ebenso gut hätte ein älterer Kampfschwimmer sein können. Wolfgang musste mindestens 1,90 Meter groß sein, jedenfalls überragte er den jungen Polizisten um ein gutes Stück.

„Freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Riemann“, entgegnete Marco. Er war selbst über die Aufregung und Unsicherheit überrascht, die in diesem Moment in ihm aufstieg. Durch seinen Dienst als Polizist war er stressige Situationen gewohnt, daher ließ er sich eigentlich nur schwer aus der Ruhe bringen. Wolfgang Riemann aber umgab eine Aura aus Autorität und Selbstsicherheit, die ihn doch irgendwie tief beeindruckte. Marco konnte sich lebhaft vorstellen, welchen Respekt er bei seinen Schülern gehabt haben mochte, als er noch im Dienst war. Er wusste von Julia, dass ihr Vater erst diesen Sommer in den Ruhestand verabschiedet worden war, aber bis zum letzten Tag seinen Beruf als Direktor des örtlichen Gymnasiums ausgesprochen gerne ausgeübt hatte.

„Lass das mal mit dem Herr Riemann, für dich bin ich natürlich der Wolfgang.“

Die drei gingen ins Haus und im geräumigen Wohnzimmer trafen sie auf eine dunkelblonde Frau in einem blassgelben Kleid, die gerade damit beschäftigt war, den Tisch zu decken.

„Wie schön, dass ihr es doch noch rechtzeitig geschafft habt“, sagte die Frau mit einem breiten Lächeln, durch das ihre strahlend weißen Zähne zum Vorschein kamen, „Ich bin Franziska, Julias Mutter. Schön, dich endlich kennen zu lernen.“

Marco wurde von ihr mit Küssen auf beide Wangen begrüßt. Franziska Riemann war Mitte fünfzig, sah aber wie ihr Mann eher jünger aus. Marco wusste von Julia, wie viel Wert ihre Mutter auf gesunde Ernährung und körperliche Fitness legte, was sich augenscheinlich auszuzahlen schien. Die dezenten Falten in ihrem Gesicht wurden durch ihre sportliche Figur aufgewogen und ihre lebhaften Augen funkelten in dem gleichen graugrün, das ihm von Julia nur allzu gut bekannt war. Nach ihm begrüßte Franziska Riemann auch ihre Tochter herzlich, ließ sie die beiden und ihren Mann aber gleich wieder alleine, da sie in der Küche der Haushälterin, Frau Breege, bei der Vorbereitung des Essens helfen wollte.

„Frau Breege hat ewig bei uns gearbeitet“, erklärte Julia, „sie ist eigentlich schon seit ein paar Jahren in Rente, wohnt aber immer noch in einer Einliegerwohnung im Kellergeschoss. Außerdem lässt sie es sich nicht nehmen, bei Familienfesten weiterhin für uns zu kochen. Und sie kann sehr gut kochen, kann ich dir sagen.“

Sie strich sich in freudiger Erwartung und mit leuchtenden Augen über den Bauch, dann fügte sie etwas leiser hinzu:

„Ich hoffe nur, dass sie das Menü zusammenstellen durfte und ihr meine Mutter nicht wieder dazwischengefunkt hat. Sonst wird’s wesentlich gesünder – und damit auch weniger lecker.“

Sie lachten beide, dann drehten sie sich in Richtung der Treppe, auf der gerade Julias jüngere Schwester Alina herunterkam. Sie war das einzige Familienmitglied, das Marco bereits vor diesem Tag schon einmal getroffen hatte, denn Alina war schon öfter bei Julia und ihm in Frankfurt zu Besuch gewesen, zwei oder dreimal sogar über Nacht. Marco hatte die jüngere Schwester seiner Freundin schon längst ins Herz geschlossen und diese tiefe Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Im Verhältnis zu Julia war Alina ein deutlich exzentrischerer Typ, wechselte des Öfteren die Haarfarbe, trug abgetragene Schlabberkleidung und hatte verschiedene Piercings im Gesicht. Auch sonst hatte die etwa Zwanzigjährige äußerlich nicht viel mit ihrer Mutter und Schwester gemein. Die dunklen Augen und das markante Gesicht erinnerten mehr an Wolfgang als an die anderen weiblichen Familienmitglieder. Nicht gerade zur Begeisterung ihrer Eltern machte sie gerade eine Ausbildung zur Schreinerin, die ihr aller Unkenrufe zum Trotz unheimlichen Spaß bereitete. Überdrehte Akademiker gab es im Hause Riemann ihrer Ansicht nach schon mehr als genug.

„Da seid ihr ja endlich. Jetzt lernst du auch mal den Rest der Sippe kennen“, schleuderte ihm Alina ohne große Umschweife entgegen. „Aber keine Angst, so verstaubt wie sie auf den ersten Blick wirken, sind sie gar nicht.“

Frau Breege brachte schließlich die Vorspeise aus der Küche, die sie auf den langgezogenen Tisch im Esszimmer stellte. Bei dieser Gelegenheit wurde Marco auch gleich der Haushälterin im Ruhestand vorgestellt, die ihm zwar freundlich und mit Wohlwollen begegnete, dann aber gleich wieder hektisch in der Küche verschwand. Wie Marco kurz darauf von Franziska erfuhr, gab es als Vorspeise Rinderkraftbrühe mit kleinen, selbstgemachten Maultaschen.

„Setzt euch bitte“, rief Wolfgang in die Runde. „Ich habe vor ein paar Minuten mit Christopher telefoniert, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sie da sein werden. Sie haben lange bei Stuttgart im Stau gestanden. Wir sollen ruhig schon mal ohne sie anfangen.“

Auch in Bezug auf ihren älteren Bruder Christopher war Marco von Julia vorab gebrieft worden: Er lebte schon seit vielen Jahren mit seiner Frau Mareike und seit neuestem auch Sohn Luca in München. Er kam schon seit einigen Jahren nur noch sehr selten zu Besuch nach Lautenstein, was die seine Eltern, insbesondere seit der Geburt ihres ersten Enkelkindes sehr bedauerten.

Die Anwesenden folgten der Aufforderung, setzten sich an den Tisch und begannen mit dem Essen. Marco schmeckte die Suppe in der Tat köstlich, Julia hatte keineswegs zu viel versprochen. Wolfgang saß Marco gegenüber und der junge Polizist merkte schnell, dass sich Julias Vater offenbar vorgenommen hatte, dem neuen Freund seiner Tochter ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Der pensionierte Direktor lenkte das Gespräch bei Tisch immer wieder geschickt auf bestimmte Themen, wodurch er anscheinend zum einen Marcos Wissen und zum anderen seine Einstellung zu verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Themen abklopfen wollte. Marco spielte das Spiel, so gut er konnte, mit und zog sich dabei, wie er selbst fand, recht gut aus der Affäre.

Nachdem die Suppenteller abgeräumt waren, wurde der Hauptgang gebracht: Schmorbraten mit hausgemachten Spätzle und Rotkraut. Auch dieser war ein Gedicht, Marco fragte sich insgeheim, wie die Riemanns bei einer solchen Verpflegung alle solche Hungerhaken hatten bleiben können.

Die meisten Teller waren bereits leer, als endlich Christopher Riemann mit seiner Frau Mareike zur Tür hereinkam. Beide waren schwer beladen mit mehreren Taschen und einer Babyschale, in der ruhig der kleine Luca schlief.

Alle erhoben sich vom Tisch, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Wolfgang brachte das Gepäck ins Gästezimmer, während Marco von Julia ihrem Bruder und ihrer Schwägerin vorgestellt wurde.

„Freut mich sehr“, sagte Christopher Riemann mit einem verschmitzten Lächeln, „die letzten Typen, die sie angeschleppt hat, waren wirklich furchtbar, du bist also in einer ganz guten Ausgangsposition, bei uns zu punkten.“

Julia funkelte ihren Bruder wütend an, doch diesen schien die Reaktion seiner Schwester nicht groß zu stören. Er war Mitte dreißig und seine dunkelbraunen Haare wiesen bereits einige lichten Stellen auf. Seine Gesichtszüge waren gröber als die seiner Eltern, er war auch ein kleinerer und bulligerer Typ als sein Vater, trotzdem war die Ähnlichkeit gerade mit ihm unverkennbar. Christopher arbeitete als Anwalt und war seit drei Jahren mit der etwas jüngeren Mareike verheiratet, die ursprünglich ebenfalls aus der Umgebung von Lautenstein stammte. Marco begrüßte auch Mareike, die auf den ersten Blick ein eher ruhigerer Typ zu sein schien, ihm aber gleich sehr sympathisch war. Sie war auf eine schwer zu definierbare Art hübsch, ihr schulterlanges, schwarzes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Kurz darauf nahm Mareike den immer noch schlafenden Luca aus der Babyschale und ging mit ihm ins Gästezimmer, um ihn dort in das vorbereitete Babybettchen zu legen. Christopher hatte sich derweil bereits an den Tisch gesetzt und begann, sich über die Suppe und den Hauptgang gleichzeitig her zu machen. Offensichtlich verschwendete er keinen Gedanken daran, auf seine Frau zu warten. Auch Frau Breege setzte sich nun an den Tisch, begann selbst etwas zu essen und ein wenig mit den anderen Anwesenden zu plaudern. Als Mareike schließlich zurückkam und auf dem Stuhl neben ihrem Mann Platz nahm, hatte dieser seine beiden Teller schon fast vollständig geleert.

Erst jetzt fiel Marco auf, dass tatsächlich noch ein weiteres Gedeck unberührt am oberen linken Eck der langen Tafel stand. Er rief sich noch einmal ins Gedächtnis, was ihm Julia über ihre verschollene Schwester erzählt hatte. Franziska Riemann, mit der er an diesem Abend bisher noch am wenigsten gesprochen hatte, musste seinen Blick bemerkt haben, jedenfalls sprach sie ihn unvermittelt an, während die anderen noch über ein anderes Thema redeten.

„Du fragst dich bestimmt gerade, für wen der letzte freie Teller ist, oder?“

Marco war es peinlich, scheinbar so offensichtlich auf den leeren Platz gestarrt zu haben. Er räusperte sich, suchte sich zunächst die richtigen Worte zu recht, bevor er erwiderte:

„Um ehrlich zu sein weiß ich, für wen der Teller ist. Julia hat mir die Geschichte über ihre Schwester erzählt. Was mit Ihrer Tochter passiert ist, tut mir sehr leid, Frau Riemann…ich meine, Franziska.“

Die anderen Familienmitglieder waren gerade damit beschäftigt, Christopher zuzuhören, der wild gestikulierend von einem skurrilen Fall vor dem Landgericht erzählte, den er vor kurzem abgeschlossen hatte.

„Hältst du uns für verschroben, weil wir das machen, das mit dem Teller meine ich?“, fragte Franziska und es schien ihr zu Marcos Überraschung nichts auszumachen, über ihre verschwundene Tochter zu reden. Sie wirkte gefasst und ehrlich an Marcos Meinung interessiert.

„Nein, natürlich nicht“, beeilte er sich zu erwidern, „selbstverständlich ist das eine total adäquate Methode, mit dem Verlust klar zu kommen. Alles was dir hilft, die Ereignisse von damals zu bewältigen, ist gut.“

Sie nickte, trank von ihrem Wein und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Dann wandte sie sich wieder an ihn.

„Du bist doch bei der Kriminalpolizei. Ich darf dir doch eine berufliche Frage stellen, oder?“

„Natürlich“, sagte er und nickte dabei, um seine Aussage zu unterstreichen.

„Wie häufig kommt es vor, dass offene Fälle, die schon lange zurückliegen, zehn Jahre oder mehr meine ich, doch noch gelöst werden?“

„Gar nicht so selten“, erwiderte er, „modernere Untersuchungsmethoden, späte Reue, neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit anderen Fällen – da passiert es schon häufiger, dass auch Delikte, die viele Jahre zurückliegen, noch aufgeklärt werden.“

„Und wie oft gehen solche Sachen…“, sie stockte kurz und nahm einen weiteren Schluck Wein, „wie soll ich sagen…gut aus? Also speziell Vermisstenfälle.“

„Du meinst, wie oft taucht jemand nach 10 Jahren wieder unversehrt auf?“, hakte er nach.

Sie nickte und schaute ihm jetzt direkt in die Augen. Ihr Blick war durchdringend und mit einem Hauch von Melancholie versetzt, ließ aber keinen Zweifel daran, dass sie die Wahrheit hören wollte. Er überlegte kurz, bevor er so einfühlsam wie möglich antwortete:

„Ich will ehrlich zu dir sein. Das kommt so gut wie nie vor. Solche Dinge, wie das, was mit Natascha Kampusch in Österreich passiert ist, sind sehr, sehr selten. In den allermeisten Fällen sind diese Vermissten… “, er hielt kurz inne und wollte seinen Satz gerade beenden, als Franziska ihm zuvorkam.

“…tot und einfach nur gut versteckt. Hab ich nicht Recht?“

Es bedurfte an dieser Stelle keiner konkreten Antwort, beide wussten sehr gut, wie diese ausgesehen hätte. Also schwiegen sie. Christopher war inzwischen bei der Pointe seiner Geschichte angekommen und die anderen fielen so laut in sein Gelächter ein, dass Mareike sie um Ruhe bitten musste, damit Luca nicht geweckt werden würde.

„Es tut mir sehr leid, Franziska“, sagte Marco und legte seine Hand auf die gefalteten Hände der Mutter seiner Freundin.

 
Ende der Leseprobe